Die meisten Menschen wissen zwar, was sie nicht wollen, nicht jedoch, was sie wollen! Und wenn sie doch mal wissen, was sie wollen, wollen sie nichts dafür tun. Es gibt jedoch auch Menschen, die meistens genau wissen, was sie wollen und die ihre Ziele sehr konsequent anstreben.
Wenn nun ein unsicherer Mensch mit vagen Zielvorstellungen auf so einen zielstrebigen Menschen trifft, dann empfindet er oft dessen Zielstrebigkeit als Druck. Anstatt sich dann auf sich zu besinnen und zu erforschen, was er selbst will, sieht er wieder nur, was er nicht will, und versucht, diesem (selbst erzeugten) Druck, dieser vermeintlichen Erwartung auszuweichen.
Wunsch und Erwartung werden von vielen Menschen verwechselt.
Wenn ein Mensch sich etwas sehr wünscht, dann wird dies oft von einem anderen Menschen als Erwartung empfunden. Und wenn der Andere diesen Wunsch bzw. diese vermeintliche Erwartung nicht erfüllen kann oder nicht will, jedoch meint, dies tun zu müssen, dann bringt er sich oft selbst unter einen Erwartungs-Druck.
Vielleicht besteht sogar ein Zusammenhang zwischen dem Selbst-Wert-Gefühl des Anderen und seinem Erwartungs-Druck.
Ein Wunsch ist die Hoffnung, etwas zu bekommen, dass etwas sich ändert oder bleibt, wie es ist. Geht dieser Wunsch nicht in Erfüllung, so bin ich vielleicht traurig. Es ist jedoch kein Drama! Das Leben geht weiter! Und oft werden unerfüllte Wünsche auf andere Weise ausgeglichen, oder es zeigt sich, dass es ganz gut ist, dass dieser Wunsch unerfüllt blieb.
Eine Erwartung dagegen ist die Annahme einer vermeintlichen Tatsache oder Selbstverständlichkeit, ist der feste Glaube, die absolute Überzeugung, dass etwas geschieht (oder nicht), dass ich etwas unbedingt bekomme, was total meiner Vorstellung entspricht, was nur „so und nicht anders“ sein kann. Eine Erwartung könnte natürlich begründet sein durch ein Versprechen, durch eine Vereinbarung, durch eine Verpflichtung des Anderen.
Diese Annahme, dieser Glaube, diese Überzeugung kann jedoch eine (Selbst-)Täuschung sein. Wird die Erwartung nicht erfüllt, kommt es somit zu einer Ent-Täuschung.
Eine Enttäuschung bedingt also, dass es vorher eine Täuschung gab. Ich wurde getäuscht oder täuschte mich selbst, indem ich einen Menschen, eine Situation oder einen Sachverhalt nicht so wahrgenommen oder nicht so akzeptiert habe, wie er wirklich ist, sondern wie ich glaubte, dass er/es so sein müsse, dass alles unbedingt so eintreffen müsse, wie ich das wollte. Ich war nicht bereit, die Realität bzw. eine andere Sichtweise als meine zu akzeptieren. Die Enttäuschung zeigt mir Menschen Situationen und Sachverhalte in einem anderen Licht, aus einem anderen Blickwinkel, der abweicht von meiner bisherigen Sichtweise und von meinen Erwartungen.
Die Enttäuschung empfinde ich um so heftiger, je mehr ich mich vorher an meine bisherige Sichtweise bzw. Erwartungen klammerte. Eine Enttäuschung wird meistens als etwas Negatives empfunden, vor allem dann, wenn die vorherige Sichtweise bzw. Erwartung (scheinbar!) positiv war. Und man spricht von angenehmer Enttäuschung, wenn die vorherige Sichtweise negativ war.
Eine Enttäuschung, auch wenn sie oft als unangenehm oder sogar schmerzhaft empfunden wird, ist jedoch immer etwas Positives! Denn sie bringt immer eine klarere Sichtweise mit sich, und zeigt mir, dass mein bisheriger Weg, meine bisherige Auffassung, meine bisherige Sichtweise wohl nicht so passend für mich war bzw. abwich von der Realität.
Die Ent-Täuschung befreit mich von meiner (Selbst-)Täuschung und von meiner Erwartungs-Haltung.
Haben Sie Fragen oder Anregungen zu diesem Thema? Schreiben Sie mir einfach eine Mail!
Wolfgang Pecher
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